Brennnessel Haut
Bücher

Brennnessel Haut. Eine wahre Geschichte

 

Gattung: Klappenbroschur
Seitenzahl: 286 Seiten
Preis: 12,90 €
Verlag: Horlemann Verlag

 

Beschreibung

 

In der Geschichte geht es um die unzertrennlichen Freunde Kajetan Reinhardt und Heiner Geißler (genau, der Heiner Geißler – der mittlerweile verstorbene CDU Politiker) im Dritten Reich.

 

Kajetan ist ein Sinto, ein „dreckiger Zigeuner“, wie er von den Mitschülern beschimpft wird. Als die Nazis an die Macht kommen, darf Kajetan in der Schule nicht mehr neben Heiner in der ersten Reihe sitzen. „Dreckige Zigeuner“ sitzen ganz hinten. Kajetan wird getriezt, nur Heiner und die Webers halten zu ihm. Doch dann muss Heiner wegziehen und Kajetans Familie landet im Ummenwinkel, einem Zigeunerlager am Rand von Ravensburg.

 

Stück für Stück wird Kajetan und seiner Familie das bisherige Leben genommen – und die Freiheit. Für einen Teil von Kajetans Familie endet diese in Auschwitz. Eine Geschichte über Rassismus und Diskriminierung, aber auch über Freundschaft. Eine wahre Geschichte.

 

Leseprobe

 

In der Scheune roch es nach fauligen Äpfeln, die Herr Weber zwar einmal in der Woche sorgfältig aussortierte, aber in irgendeiner Ecke fand sich immer wieder ein fauliger. Zu den Äpfeln kam der Geruch von lehmiger Erde und Kartoffeln. Für die Buben duftete es nach Heimat. Im Schneidersitz setzten sie sich auf die rauen, leeren Kartoffelsäcke.

 

Heiner sog die Luft ein, als müsse er mit dem Atemzug neue Energie und vielleicht auch Mut einatmen, um die Neuigkeit zu verkünden. „Wir ziehen um“, presste er hervor. „Nach Tuttlingen. Ich will da aber nicht hin. Ich will hierbleiben. Bei dir.“

 

Kajetans Kopf weigerte sich, die Vorstellung aufzunehmen, dass sein bester Freund nicht mehr mit ihm die Tage verbringen sollte. Auf einmal fühlte er sich so miserabel, als würde es nie wieder Weihnachten geben. Beide wollten die Nähe des anderen zu spüren. Sie legten sich eng nebeneinander auf die leeren, kratzenden Kartoffelsäcke. Zwei Körper aneinandergeschmiegt, die sich unter Tränen schüttelten.

 

Das Kratzen der Säcke war unangenehm, aber es passte zu der furchtbaren Nachricht. Mit jeder Minute, die sie länger zusammen lagen, kapierte Kajetan die Neuigkeit ein bisschen besser, als könnte sein Verstand diese traurige Mitteilung nur häppchenweise verarbeiten.

 

Mit wem, wenn nicht mit Heiner, sollte er in Zukunft spielen? Mit wem, wenn nicht mit Heiner, sollte er zur Schule gehen? Mit wem, wenn nicht mit Heiner, sollte er seine Ferien verbringen? Von wem sollte er in Zukunft sein Pausenbrot bekommen? Mit wem, wenn nicht mit Heiner, konnte er alles besprechen? Wie sollte ein Leben ohne Heiner überhaupt funktionieren? Es konnte nicht funktionieren!

 

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